Das für heute angesagte schlechte Wetter bringt mich beim Frühstück dazu, meinen Plan umzuwerfen, und ich entscheide mich dafür, das Mutterviertel Vancouver’s zu besichtigen: Gastown. Wenn es hier etwas wie eine ‚Altstadt‘ gibt, dann dort. Alt ist natürlich relativ, schließlich wurde die Stadt erst Ende des 19. Jahrhunderts gegründet. Die unterirdische Mall, die ich tags zuvor entdeckt habe, bringt mich trocken ein paar Blöcke Richtung Seawall, bevor ich wieder an die Oberfläche gehe.

Leider biege ich ein paar Ecken zu früh ab und lande etwas zu nah an Chinatown, was ich schnell an der rasant gestiegenen (sowieso schon hohen) Zahl an Obdachlosen und Drogenkonsumenten bemerke. Wohl fühle ich mich hier gar nicht, und da ich mir unsicher bin, ob sich die Downtown Eastside, die man in Vancouver keinesfalls besuchen sollte, bis hierhin ausgebreitet hat, entscheide ich mich dafür, schnell ein Bild von der berühmten Steam Clock im Herzen von Gastown zu machen und schnell wieder zu verschwinden. Kaum überquere ich die East Hastings Street ist von Kriminalität keine Spur mehr und ich lande in einem Viertel, das genau so aussieht, wie ich es mir vorgestellt habe: Pflastersteine, kleine Läden, schöne Straßenlaternen, Weihnachtsschmuck. Bei weniger starkem Regen lässt sich hier bestimmt wunderbar einen Kaffee in der Sonne trinken! Die Steam Clock ist wirklich nicht zu übersehen, ihr Rauch ist zwischen den Straßen gut erkennbar. Alle 15 Minuten stößt sie ihr charakteristisches Pfeifen aus, ich bin gerade pünktlich.

Ich flüchte mich zuerst in einen Souvenirladen und dann, ausgestattet mit einigen Postkarten, in ein Café. Der London Fog Tea schmeckt ganz wunderbar Prasseln des Regens an der Scheibe, bald darauf ziehe ich weiter Richtung Canada Place. Der einem Schiff nachempfundene Bau erzählt auf an der Reling angebrachten Tafeln Geschichten aus ganz Kanada, ich lese sie und sauge die Aussicht auf Nord-Vancouver ein.

Die Seawall, die sich an der ganzen Küste Vancouvers entlangzieht, bringt mich nach Coal Harbour, auf dem Weg dahin fängt es wieder stärker an zu regnen. Die umliegenden Berge verziehen sich in den Wolken, die Gebäude tun es ihnen direkt nach (Wolkenkratzer hier mal ganz ernst gemeint), doch die riesigen Möwen, die sich hier rumtreiben, sind uninteressiert an diesem Spektakel.

Ich begebe mich wieder Richtung Downtown und halte noch bei einem winzigen Inder an, in dem ich nicht nur wahnsinnig (kanadisch) freundlich beraten werde, sondern auch noch ein fantastisches Abendessen zu mir nehme. Das Gleiche passiert dann auch noch im Levi’s Store, in dem ich mich dank des Eröffnungsrabattes (Jackpot) gut eindecken kann, bevor ich pitschnass wieder im Hostel ankomme. Schütten ist hier fast noch untertrieben – so nass war ich in meinem ganzen Leben noch nicht. Die gethriftete Lederjacke macht ihren Job ganz fantastisch, alles andere ist eine absolute Katastrophe. Den Schirm meiner Käppi kann ich im Waschbecken auswringen, dann hänge ich noch alles zum Trocknen auf – zum Glück habe ich jetzt neue Jeans!

Im Hostel lerne ich noch Jay (gebürtiger Libanese, lebt seit mehreren Jahren in Québec) und Jos kennen (Deutscher, aus Lintorf?? Klein ist die Welt …), wir verabreden uns für den nächsten Tag auf dem Weihnachtsmarkt und buchen schonmal Tickets. Es fühlt sich komisch an, für einen Weihnachtsmarkt nicht nur ein Ticket, sondern auch noch einen Timeslot buchen zu müssen, doch das ist mir der angekündigte Glühwein wert. Irgendwie muss man ja in Stimmung kommen!