Ein Taxi bringt mich von der Busstation zum Hostel, beim Einchecken drönt die Punkmusik so laut, dass ich kaum ein Wort verstehe. Es ist proppenvoll, ich bin guter Dinge, dass ich hier die ein oder andere coole Person kennenlerne. Die erste Nacht in meinem süßen Einzelzimmer (Waschbecken vorhanden, dafür Gemeinschaftsbad genau um die Ecke) läuft mehr schlecht als recht, nach meinem ruhigen Zimmer mitten-im-nirgendwo hält sich der Schlaf im hellhörigen Hostel in der Innenstadt sehr kurz. Ich bin komplett überzeugt von der Unterkunft – alles ist extrem sauber, zum Frühstück gibt es eine riiiiiesen Auswahl an Bagels und frischem Obst und Gemüse, alles tiptop. Ich lerne natürlich direkt eine andere Deutsche (Melissa) kennen, die heute ihr neunmonatiges Work-and-Travel startet. Wir verabschieden uns fürs Erste, auf geht’s in die Stadt für mich.


Es soll heute den ganzen Tag regnen; ich suche mir also das Stadtmuseum aus und mache mich auf den Weg nach Granville Island, von wo aus ich da gemütlich hinkomme. Mein Taxifahrer vom Vorabend hat mir den Granville Island Market empfohlen (oh, you can’t walk there, it’s too far) und nach 15 Minuten Fußweg bin ich auch schon am Pier zum Übersetzen angekommen. Das war ja einfach. Eine kurze Bootsfahrt später (kurz ist hier völlig untertrieben, es dauert keine 2 Minuten) und schon bin ich über den False Creek übergesetzt worden.


Der Markt ist riesig, voll mit frischen Lebensmitteln, kleinen Ständen, lokalen Künstlern. Die Proben werden einem praktisch hinterhergeworfen und die Besitzer haben keine Mühen mit mir, meine Mitbringsel kaufen sich quasi von selbst. Das ganze Gelände erinnert mich an die LX Factory in Lissabon. In dem großen Kollektiv drängt sich der Schmied neben den Hängemattenladen (kein Scherz) zwischen die Glasbläserei und den Bastelshop. Ich finde einen Stand mit Bildern, die gegen Spendenbasis verkauft werden – der ganze Erlös geht an das Kinderkrankenhaus der Stadt. Daneben werde ich von der Verkäuferin mit essbaren Fruchtbubbles vollgestopft, dahinter verkauft jemand handbemalte Christbaumkugeln.



Ich reiße mich von dem Trubel los und spaziere Richtung Museum entlang der Promenade, die Sonne kommt sogar raus. Ich werde überholt von Joggern, passiere Schilder, die vor Kojoten warnen, und beobachte riesige Möwen. Das markante Museumsgebäude finde ich schnell und lasse meine Sachen einschließen, bevor ich mich von der Stadtgeschichte einlullen lasse. Erneut fällt mir auf, wie vertrauenswürdig Kanadier sind.

Die Räume beginnen mit der Geschichte der Stämme der First Nations, die sich hier niedergelassen haben und nun in dem Museum ihre Bräuche teilen. Fundstücke wurden mithilfe der 3D-Drucktechnik nachgestellt und sind nun hier zu betrachten. Ich muss an das Kolonialmuseum in München denken, das ich letztes Jahr besucht habe und an die Streitgespräche, die dort über das gestohlene und ausgestellte Eigentum der afrikanischen Stämme geführt wurden – es geht also auch anders. Der zweite Teil des Museums führt durch die Jahrzehnte (heißt hier nicht mehr als 1900-1950), es ist vollgestopft und sehr laut in meinen Augen. Durch die Fenster sehe ich, dass der versprochene Regen ausgeblieben ist und die Sonne sich noch weiter hervortraut- ich entfliehe also den vollgestopften Räumen, in denen ich vollkommen alleine bin, und begebe mich wieder nach draußen.


Zurück im Granville Island Market hole ich mir einen kleinen Snack. Ich will in der Sonne essen, doch werde dermaßen von diesen monströsen Möwen belagert, dass ich mich doch reinsetzen muss. Auf der Bootsfahrt zurück über den False Creek unterhalte ich mich mit der Angestellten über die von mir erstandene Kunst und merke, dass ich entweder viel zu viel bezahlt habe, oder es hier einfach andere Vorstellungen über ‚Spendenbasis an kranke Kinder‘ gibt. Ich spaziere die Granville Street bis hoch zum Robson Square und bewundere mit den anderen Fußgängern zusammen den Sonnenuntergang. Hier gibt es so viel Regen, dass selbst die Einheimischen alle 3 Meter anhalten, um ein Bild zu machen. Völlig verständlich in meinen Augen!


