Einen kanadischeren Tag als heute gibt es wohl kaum. Wir starten stark mit einem Ausflug ins Skilanglauf-Gebiet, denn die Loipen (das ist ein Wort, das ich jetzt kenne) sind nun endlich vorbereitet. Zu einem überraschend günstigen Preis leihe ich mir also Skier, Stöcke und Schuhe aus und Sebastian und ich düsen wieder hoch in die Larch Hills. Mitten in den Wolken und im absoluten Tiefschnee machen wir uns bereit und ich falle nach keinen zwei Metern das erste Mal hin. Macht nix – mit viel Geduld schafft es Sebastian, mich einen für mich überwindbaren Berggipfel von etwa 2% Steigung hochzubekommen. Ich stürze weitere drei Mal. Wir begeben uns auf die Piste und überraschend schnell habe ich das Gefühl, das Ganze doch so langsam mal in den Griff zu bekommen – da kommt auch schon die erste Abfahrt, und mein lautes PIZZA-Gebrüll mit passender, aber vom Berg völlig ignorierter Ski-Haltung hält mich überraschenderweise nicht davon ab, ein weiteres Mal zu stürzen.

Spaß hab ich trotzdem (Sebastian ist ganz überrascht, dass ich bei der Technik nach 30 Sekunden aufgebe, aber mich von dieser Tortur aus irgendeinem Grund nicht stoppen lasse) und ich schaffe es sogar, die nächsten Hügel mit sehr viel Gelächter runterzurutschen. Schreien tu ich nur ein bisschen, macht auch nichts, denn wir sind völlig alleine in diesem wunderschönen Wald. Schließlich haut es mich dann aber wirklich in voller Fahrt hin und als wir danach sehen, dass wir ‚aus Versehen‘ auf einer schwarzen Loipe gelandet sind, wundert mich überhaupt nichts mehr. Meine Skier werden also die steilen Stücke von mir runter getragen, Sebastian dreht ein paar Runden und nach insgesamt etwas über drei Stunden sind wir wieder am Auto angekommen. Ich bin völlig fertig, aber sehr glücklich! Bei Skier abgeben gibt sich die Frau sehr beeindruckt als ich ihr erzähle, dass es mich 11 Mal hingelegt hat – ihr Freund sei beim ersten Mal wohl über zwanzig Mal in 2h gefallen. Ich denke erst, das sei ein Scherz, doch als im Laufe des Tages vier (4!!!!) weitere Kanadier ebenfalls von dieser nun doch sehr klein wirkenden Zahl beeindruckt sind, bin ich fest davon überzeugt, dass ich ein absolutes Naturtalent im Skilanglauf bin. Mission erfüllt! Den blauen Fleck, der sich an meinem Knie entwickelt, ignorieren wir an dieser Stelle mal.

Der Tag geht kanadisch weiter, wir treffen uns mit Vince zum Eishockey schauen. Wir erheben uns zur Nationalhymne – ‚Oh, Canada‘ und das war’s dann auch mit der Textsicherheit. Die Salmon Arm Silverbacks sind alle zwischen 16 und 19 und Vince behauptet, das sei das beste Alter zum Eishockey spielen, weil sich das Testosteron noch nicht eingependelt hat und wir daher wahrscheinlich viele Prügeleien zu sehen bekommen. Damit hat er Recht. Er erzählt uns außerdem mehr über die verschiedenen Regeln, die vielen Schutzplatten, die sich unter den Jerseys verbergen, zeigt sich angemessen beeindruckt von meinen elf Stürzen, trinkt mit uns lokales Bier. Ich als Profi-Wintersportlerin erkenne natürlich Gleichgesinnte und kann kaum fassen, mit wie viel Eleganz und was für einer Schnelligkeit man sich über das Eis bewegen kann – das Ganze in ca. 9 Kilo Ausrüstung und einem dauernden Schläger-Hagel ausgesetzt. Ein verrückter Sport.
Wir haben Glück, denn heute ist der alljährliche Teddybear-Toss, bei dem Kuscheltiere auf das Eis geworfen werden und anschließend an Wohltätigkeitsorganisationen und Krankenhäuser gespendet werden. Ich bin total aufgeregt und hab uns natürlich passend zur Jahreszeit verschiedene Rentiere organisiert, die nun in ihren kleinen Plastiktüten (damit sie nicht nass werden) darauf warten, auf dem Eis zu landen. Es geht ganz schnell – im zweiten Drittel schießen die Silverbacks ein spektakuläres Tor, das Stadion rastet aus, Hunderte Kuscheltiere prasseln ins Aquarium. Jubelnd landet auch mein kleines Rentier hinter der Glasscheibe, ich hab es doch tatsächlich geschafft zu treffen!

Natürlich gibt es eine Unterbrechung und jede Menge Fotos, dann rasen die Juniors auf das Eis und sammeln die Tiere zusammen – was Süßeres gibt es kaum, besonders als einer der ganz Kleinen fast unter einem riesigen Olchi verschwindet und sich von einem größeren Kind helfen lassen muss. Als im letzten Drittel dann nicht nur der gegnerische Trainer aufgrund seines Verhaltens der Box verwiesen wird, sondern auch noch einer der Spieler in den letzten 90 Sekunden das Feld verlassen muss und die West-Kelowna Warriors auf ihren Torwart verzichten, um einen extra Spieler zurückzubekommen, woraufhin natürlich sofort das zweite Tor fällt UND DANN auch noch das gesamte Team ohne Handschlag das Eis verlässt, ist Vince im siebten Himmel – so viele Regelverstöße hat selbst er noch nie gesehen. Rundum ein Erfolg, mehr Aufregung geht eigentlich nicht.


Wir verabschieden uns vor dem Stadion, nur um uns umzuentscheiden und uns kurz darauf wieder in einer Kneipe zu treffen und noch ein paar zusammen zu trinken. Durch eine verrückte Verkettung von Gesprächsthemen lernen wir unsere 19-jährige Bedienung Porsche (kein Witz) kennen, die gerade von ihrem Austauschjahr in Österreich zurückgekommen ist und sich begeistert mit uns auf Deutsch unterhält. Wir bleiben bis über eine Stunde nach Ladenschluss und genießen den Abend so richtig!
Auf dem Rückweg müssen wir natürlich noch einen kurzen Stopp vor einem der kunterbunt-kanadisch geschmückten Weihnachtshäuser machen. Erst nachdem ich schon drei Bilder gemacht habe, sehe ich die alte Frau, die mitten in der Nacht auf ihrer Veranda sitzt und uns glücklich unter ihrer Decke hervor zuwinkt. 50/50-Mischung aus süß und gruselig – aber halt auch sehr kanadisch!

Wir beenden unser kanadisches Wochenende mit einem großen Stapel Pancakes, Ahornsirup und Früchten. Ein schöner Abschied, denn mein letzter Tag in Salmon Arm startet genauso, die der Erste begann – auch damals haben wir Pancakes gemacht. Die Koffer sind schnell gepackt, alle werden nochmal fest gedrückt, es wird nochmal gecheckt, dass alle Straßen offen sind, denn vor einigen Tagen gab es Überschwemmungen in der Nähe von Vancouver und alle Highways waren gesperrt. Wir haben Glück und der Bus sammelt uns mit nur einigen Minuten Verspätung ein. Winkend verlassen Ava und ich die Stadt, winkend verlasse ich eine Station später dann auch Ava. Ab geht’s nach Vancouver!