Noch vor Sonnenaufgang stehen wir auf und fahren von Golden aus Richtung Emerald Lake, der inmitten der kanadischen Rocky Mountains im Yoho National Park liegt. Bereits der Weg dorthin haut mich um, und ich muss mich stark zusammenreißen, nicht alle 5 Minuten anhalten zu wollen, um ein Bild zu machen. Hinter jeder Kurve wird die Aussicht schöner und wir lassen schnell die tiefen Wolken hinter uns, die über Golden hängen. Die Sonne, die die Berggipfel in der Entfernung küsst, lässt unsere Aufregung auf den Tag steigen – es wird fantastisches Wetter geben!

Wir fahren auf den (noch) menschenleeren Parkplatz des Emerald Lakes, der in den Sommermonaten ein wunderschönes Grün hat. Heute ist er halb zugefroren und wir erwischen perfekt die blaue Stunde, da die Sonne noch nicht die den See umgebenden Berge überschritten hat. Dick eingemummelt (ich trage vier Schichten, Mütze, Schal und Handschuhe) stapfen wir bei etwa -17 Grad um den See und genießen den Sonnenaufgang. Ich bekomme den Mund vor lauter Staunen gar nicht mehr zu, die anderen laufen bald schneller, um meinen ‚wooooooow‘-Rufen zu entkommen, die mir alle 50m entschlüpfen. Sorry dafür!

Wir finden den Aufstieg zum Burgess Pass, den wir hochwandern wollen, um den See von oben zu sehen. Die 40cm Neuschnee, die hier gefallen sind, hindern uns zunächst nicht, denn es sind bereits vor uns Wanderer den Weg hochgestiefelt und wir können deren Fußstapfen folgen. Nach etwa 2h Aufstieg verschwinden diese aber – die Wanderer müssen auf halbem Weg umgekehrt sein. Wir kämpfen uns also alleine durch den knietiefen Schnee, der die schmalen Pfade bedeckt, doch bald schwindet auch unsere Hoffnung auf die versprochene Aussicht. Die Gipfelwanderung ist auf etwa 10km mit beträchtlicher Steigung angegeben, doch als wir nach etwa 5km und über 600 Höhenmetern immer noch keine sich lichtenden Bäume sehen, müssen auch wir umkehren. Wir sind tatsächlich vom Schnee besiegt worden!

Wieder unten angekommen, machen wir uns auf den Weg um den See, der nun, da der Tag etwas weiter fortgeschritten ist, langsam aufzutauen beginnt. Es hat zwar immer noch zweistellige Minusgrade, doch leistet die Sonne hier ganz schöne Arbeit. Die Strecke ist fantastisch, und Sebastian, der schon im Sommer und im Herbst hier war, muss zugeben, dass es ihm im Winter hier am besten gefällt. Die Spiegelungen, die Spazierwege und das gute Wetter lassen unsere Enttäuschung über den unmöglichen Pass schnell versiegen, und trotz unserer klatschnassen Klamotten vom vielen Rumrutschen im Tiefschnee wird auch uns ganz schön warm in der Sonne!

Den Tag hätten wir nicht besser nutzen können, denn die Sonne geht gerade unter, als wir uns auf den Weg zurück nach Golden machen. Wir ziehen uns trockene Sachen an und freuen uns nun doch über die Sauna, in die sich das Hotelzimmer verwandelt hat – wenigstens werden unsere Wander- und Handschuhe für den nächsten Tag wieder schön warm sein. Wir fahren zum Wolf’s Den, wo wir zu Abend essen. An den mit Geldscheinen aus aller Welt beschlagenen Holzstützen und den vielen Locals merken wir, wie beliebt das Restaurant ist – der Euro-Schein, als Antiterroranschlag vom Asozialen Netzwerk vom Geldmarkt genommen, fällt natürlich sofort ins Auge. Wie typisch in Kanada gibt es auch hier genau zwei vegetarische Gerichte und ich drücke ein halbes Auge zu, als ich mir die klassische Poutine bestelle, die mit Gravy serviert wird. Wieder ein Punkt auf der Bucketlist abgehakt!

Zurück im Motel bringen Ava und Sebastian mir (mal wieder) Wizard bei und wir spielen improvisiert mit Skat-Karten eine ganze Weile, bevor wir erschöpft ins Bett fallen. Ich bin zu 100% glücklich, denn ich habe endlich meine Schneewanderung bekommen!